Krieg der Kulturen nach 9/11?

14. November 2001 | Von | Kategorie: Terrorismus

Die These vom ‚Krieg der Kulturen‘ ist nach dem Schock der Terrorakte vom 11. September stark im Aufwind. Der Kampf scheint aber stärker politisch-ökonomisch als religiös-kulturell bestimmt. Wenn schon mit einigem Sinn- und Erklärungsgehalt Kultur bemüht werden soll, dann ist es auf unserer Seite die Kultur des national institutionalisierten fortgeschrittenen Wohlfahrtsstaats mit seiner Ideologie des gesicherten und weiterhin wachsenden Wohlstands. Auf der öffentlich wirksamen Kultivierung dieser Ideologie beruht das Spiel um politische Macht in unseren Demokratien.

Ein Grundproblem der reichen Industrieländer ist die politische Intoleranz gegenüber Wohlstandseinbussen, weil diese Empfindlichkeit unsere Gesellschaften manipulierbar macht. Menschen, die ohne eigene Schuld wenig zu verlieren haben, sind zu vielem bereit, um die Verhältnisse zu ändern. Je mehr man hat, desto grösser die Sorge vor einem Verlust. In den westlichen Wohlstandsgesellschaften ist die Ideologie des gesicherten Wohlstands verfassungsmässig institutionalisiert, in umfassenden Sozialsicherungssystemen politisch umgesetzt und in den Köpfen der Menschen fest verankert. So beruht etwa das Schweizer System der Altersvorsorge auf der Vorgabe, die Rentner sollen den gewohnten früheren Lebensstandard aufrecht erhalten können.

Ein Hauptpfeiler, auf dem der amerikanische Wohlstand beruht, ist die ungestörte Versorgung mit billiger Energie, in erster Linie Erdöl. Dieses muss in zunehmendem Masse importiert werden. Um die Energieversorgung aus der wichtigsten Lieferregion zu sichern, unterstützen die USA im Nahen Osten unpopuläre korrupte autokratische Regimes. Das Ende dieser Herrschaftsstrukturen ist absehbar. Denn abrupte Umstürze sind hier genau so wahrscheinlich wie damals in Kuba oder im Iran. Damit setzen sich die Vereinigten Staaten aus kurzfristigen Interessen, mit entsprechend hohen Risiken, einmal mehr auf die falsche Seite der Geschichte. Mit jedem Jahr erhöhen sich die wirtschaftlichen Abhängigkeiten von politisch explosiven Staaten und damit die Risikokosten der westlichen Ölversorgung; diese Kosten sind in den Ölpreisen nicht enthalten.

Schon die Reaktion der USA auf die Ölkrisen der Siebzigerjahre – die subventionierte Verbilligung nach schockartigen Preiserhöhungen – deckte auf, in welchem Ausmass die amerikanische Politik auf unmittelbare Zustimmung durch das Autovolk (praktisch deckungsgleich mit der Wählerschaft) ausgerichtet ist. Die politischen Wirkungen der amerikanischen Billig-Energiepolitik sind: erhöhte Abhängigkeit von Auslandlieferungen und von politisch instabilen Regimes, kostspielige militärische Sicherung der Energieversorgung in diesen Regionen, Inkaufnahme einer Besatzer-Rolle und eine wachsende Feindschaft in den betroffenen Bevölkerungen.

Im Lichte dieser Zusammenhänge erweisen sich unsere heutigen Wohlfahrtsstaaten langfristig als wenig nachhaltige Strukturen, da sie in gefährdeten wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeiten stecken und an Sicherheit einzubüssen scheinen. Dazu tragen wir selbst wesentlich bei. Wir kooperieren aus wirtschaftlichem Interesse mit zahlreichen fragwürdigen Regierungen und Staaten, deren Eliten ihre Bevölkerungen verarmen lassen. Oft sind dies Gesellschaften, die seit Jahrzehnten stagnieren, weil die dortigen Machthaber aus Selbsterhaltung weder Marktwirtschaft noch rechtsstaatliche Demokratie, die beiden unabdingbaren Motoren wirtschaftlicher Entwicklung, zulassen.

Diese Überlegungen führen zu einer heiklen Folgerung, die ein tabuisiertes Thema anschneidet: Wenn uns die laufende Sicherung von Wohlstandskomfort, Einkommen und Arbeitsplätzen wichtiger ist als ein Leben in Harmonie mit ein paar grundlegenden freiheitlichen Prinzipien, müssten wir als Angehörige eines Systems, in dem wir selbst die Politik bestimmen (sollten), das Thema, ob Terroranschläge ‚völlig unschuldige Menschen‘ treffen, differenzierter und ohne moralisches Vorurteil erörtern. Denn im Endeffekt entlasten wir uns damit nur selbst, und Selbstentlastung war noch nie eine besonders anspruchsvolle und heilsame Form der Problembewältigung.

Schreibe einen Kommentar