Barnevik, Lindahl, Corti & Co. – moralisch überfordert?

17. Februar 2002 | Von | Kategorie: Wirtschaftsethik

„Ich vermute, dass eine Ethik, die in einer vom liberalen Denken bestimmten Welt effizient sein will, weitgehend formal sein muss.“
(Rupert Lay, Ethik für Manager)

Die Fälle von Topmanagern, die wegen hohen Salären oder Abfindungen ins Gerede kommen, häufen sich. Barnevik, Lindahl, Corti & Co. leben offenbar in einer abgeschotteten Welt, die sich ihre eigenen ethischen Rechtfertigungen für ihre Honorierungsexzesse schafft. Die ‚Executive Search‘-Branche liefert dazu die einschlägigen Argumente, wofür sie gerne den globalisierten Managermarkt bemüht, jedoch stets verschweigt, dass die eigenen Honorare von denen der vermittelten kostbaren Lebendware abhängig ist.

Dem heissen Thema widmete sich auch unser Staatsfernsehen. Im ‚Dienstagsclub‘ kamen nur wirtschaftlich oder politisch interessengebundene Exponenten zu Wort. Diese bürgen für die erhofften persönlichen Arenakämpfe. Der Schaden, den Mediendebatten im Arenaformat hinterlassen, besteht in der personifizierten Zuordnung von Problemursachen und Schuld. So führt etwa die Geschichte des geldgierigen Gynäkologen mit Luxusvilla in der Toskana beim geneigten Fernsehpublikum zu anderen Reaktionen als eine nüchterne Analyse der akuten Fehlsteuerungen im Gesundheitswesen.

Nun trägt neidgeschürte Entrüstung über aufgebauschte Einzelfälle nicht nur nichts bei zum Verständnis der Ursachen eines Problems, sondern lenkt sogar davon ab. Beim Thema der Managerbezüge liegt der Moralknüppel auch nicht weit. Und so kommen in der öffentlichen Debatte über hohe Managerhonorare leicht ein paar wichtige Einsichten zu kurz.

Erstens wäre es der Debatte zuträglich zu wissen, dass das Schlagwort vom ‚globalisierten Markt für Topmanager‘ der Realität nicht gerecht wird. Der Markt für Topmanager funktioniert nicht wirklich. Beweise für Marktversagen, u.a. mit kartellistischen Strukturen und falschen Anreizen, liegen in Buchform unter dem Titel ‚In Search of Excess‘ vor. Darin schildert Graef Crystal, ein erfolgreicher ‚Compensation Consultant‘, der auf die Seite geschädigter Aktionäre gewechselt hat, die verzerrten Zustände in den Vereinigten Staaten. Wenn aber im weltweit tonangebenden Managermarkt die Verhältnisse nicht stimmen, sind dessen Einflüsse auf die übrige Welt nicht von Gutem.

Zweitens müsste man zum Grundsätzlichen vordringen. Was Rupert Lay im obenstehenden Zitat meint: Wertneutrale Koordinationssysteme wie der Markt und der liberale Rechtsstaat legen Regeln des Miteinanderumgehens, des Entscheidens und des Handelns fest. Im Rahmen formaler Verhaltensregeln ist die Verfolgung werthaltiger Ziele dem Einzelnen überlassen. Die Werte Freiheit und Verantwortung erhalten in einer formal-ethisch bestimmten Gesellschaftsordnung besonderen Charakter: die individuellen Handlungsmöglichkeiten dehnen sich aus. Daraus entstehen hohe Anforderungen an das Verhalten der Menschen. Formale Rechtsregeln können nie jedes individuelle Fehlverhalten verhindern. Zusätzliche Regeln, v.a. solche aus der Sittentradition, wirken zwar in rechtsfreien Räumen des Handelns auch, sind aber nicht durchsetzbar.

Der Kommunismus ist an einem unrealistisch altruistischen Menschenbild, d.h. an der moralischen Überforderung der Menschen, speziell der führenden politischen und wirtschaftlichen Klasse, gescheitert. Es sieht ganz so aus, als hätten wir ein zwar weniger akutes, aber doch vergleichbares Problem. Eine liberale Gemeinschaft setzt ein Verhalten voraus, das auf der freiwilligen Einhaltung von rechtlich nicht sanktionierbaren Regeln beruht. Einige Angehörige der gesellschaftlichen Elite scheinen durch diese freiwillige Bindung moralisch überfordert. Massenmedien und Öffentlichkeit verbinden das Fehlverhalten von Führungsfiguren der Wirtschaft mit dem System der Marktwirtschaft. So wird diese ausgerechnet von jenen in Verruf gebracht, die sich gerne auf ihre Grundsätze berufen.

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