Der Raubtierkapitalist: Entlarvende Reaktionen zum Fall Ebner

18. Oktober 2002 | Von | Kategorie: Finanzmärkte

‚Raubtierkapitalist’ ist eines der Schimpfwörter, die Martin Ebner jetzt treffen. Gehört an unserem Staatsradio DRS – ganz im neuen Boulevardstil, der sich auch dort immer mehr ausbreitet, selbst in der seriösen Nachrichtensendung ‚Echo der Zeit’. Herrn Ebner geht es ähnlich wie seinem Freund Blocher. Sie können tun und lassen, was sie wollen, die Urteile der schweizerischen Meinungsmacher sind gefällt. Und eine Meinung anhand von Fakten zu revidieren, wäre ein Verrat an der richtigen Gesinnung. Es ist schwer zu begreifen, wie sehr sich Menschen durch Emotionen und persönliche Abneigungen in ihrem Urteil über andere beeinflussen lassen.

Raubtierkapitalist? Eines liess sich mit einem Minimum an Unbefangenheit jedenfalls leicht feststellen: Ebner ist das ziemlich genaue Gegenmuster zu einem Börsenzocker. Ebner hat immer langfristige Aktienanlagen gepredigt und vorgelebt. Er zählte gerade nicht zu den Spekulanten, sondern wurde gewissermassen deren Opfer. Die professionellen Spekulanten sitzen in den grossen Finanzinstitutionen, die von den täglichen Börsengeschäften leben, und diese verursachen mit ihren opportunistischen Geschäften enorme Kursschwankungen. Ebners Ziel war stets eine genügend grosse Beteiligung an soliden Gesellschaften, um Einfluss nehmen zu können.

Diesen Einfluss verwendete er unter anderem dazu, die für Schweizer Grossunternehmen typische Unantastbarkeit der obersten Führung zu bekämpfen. Deren Selbstherrlichkeit zum Schaden der Aktionäre war, wie man längst wissen konnte, unter anderem eine Folge des unseligen Depotstimmrechts der Banken und der inzwischen bekannten Interessenverflechtungen in den obersten Chefetagen. Ebner verlangte http://www.phpaide.com/?langue=fr stets ziemlich genau das, was jetzt unter dem Druck der Skandale in Grossfirmen eiligst nachgeholt wird: Entflechtung und Transparenz in den Verwaltungsräten, klare Verantwortlichkeiten, leistungsbasierte Honorierung etc. Damit stellte er sich in Gegensatz zum Schweizer Grosswirtschaftsfilz.

Trotz seiner Rolle als Kämpfer gegen die etablierten Wirtschaftsmächtigen hat er es im Lager des Schweizer Gesinnungskonsenses nicht zu Ansehen gebracht. Offenbar reagiert der Gesinnungs-Mainstream auf gewisse Ideen und Namen reflexartig. Man erinnere sich an das ominöse ‚Weissbuch’ für eine marktwirtschaftliche Erneuerung, das vor einigen Jahren in der schweizerischen Öffentlichkeit, medial verstärkt, beträchtlichen Aufruhr verursachte. Dieses Reformprogramm entfachte nicht etwa eine sachliche Debatte, sondern die Autoren wurden in der Öffentlichkeit als Zerstörer des Sozialstaats Schweiz verunglimpft. Damit erübrigte sich eine vertiefte Beschäftigung mit den Inhalten. In der Schweiz findet sich der Sozialismus nicht auf Parteiprogrammen, sondern in den Köpfen. Viele dieser Köpfe bis weit hinauf in die Eliten leiden ausserdem unter einem eklatanten Bildungsdefizit in Wirtschaftsfragen – ein Mangel, den unser überschätztes Schulsystem zu verantworten hat.

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