Die Schweiz – Weltmeisterin im unfairen Handel

3. September 2003 | Von | Kategorie: Agrarpolitik

Die «Tage des fairen Handels» von Anfang September sind vorbei. Die wohlmeinende Begleitmusik spielte die zahlreiche Mitläuferschaft des schweizerischen Medien-Mainstreams. Ganz unkritisch mit dabei waren auch unsere Staatsmedien. Dabei hätten gerade die staatlichen Medienanstalten einen Bildungsauftrag, mit dem sich die exklusive Gebührenfinanzierung rechtfertigen liesse. Dass es beim Thema des «fairen Handels» viel an verpasster Bildung nachzuholen gäbe, bewies beispielsweise der Tenor der Hörermeinungen in der morgendlichen DRS-Sendung Espresso vom 2. September.

Unfairer Agrarschutz

Das Bildungsmanko kann allerdings nicht überraschen, hat doch ausgerechnet der ehemalige Ökonomieprofessor und heutige schweizerische Landwirtschaftsminister, Bundesrat Joseph Deiss, Schweizerinnen und Schweizern in einer öffentlichen Ansprache zum Weltmeistertitel im «fairen Handel» gratuliert. Nun geht es beim «fairen Handel» bekanntlich vorwiegend um landwirtschaftliche Produkte, und da ist der bundesrätlichen Frohbotschaft leider eine nüchterne Tatsache entgegenzuhalten: Der schweizerische Landwirtschaftsprotektionismus ist der Inbegriff des unfairen Handels. Darin ist die Schweiz die wahre Weltmeisterin, wie die einschlägigen Subventionsstatistiken klar und deutlich beweisen. Die zweite Goldmedaille erhält die Schweiz für das weltmeisterliche Agrardumping – natürliches Gegenstück zum Protektionismus – d.h. für den subventionierten Export von Agrarprodukten zu Preisen weit unter den Gestehungskosten.

Im Zweifel könnte man dem «Angeklagten» Deiss zu gute halten, er mache den feinen Unterschied zwischen Personen und dem Staat. Andernfalls müsste man ihn des blanken Zynismus bezichtigen. Denn unser Landwirtschaftsminister weiss natürlich, dass jede Schweizer Kuh jährlich rund 3000 Franken an direkten und indirekten Subventionen frisst und dass wir unsere Bauern mit exorbitanten Zöllen und temporären Importverboten gegen ausländische Konkurrenz schützen. So werden Produkte aus Drittweltländern von unseren Konsumenten ferngehalten. Der Schaden für die betroffenen armen Länder erreicht die Grössenordnung der gesamten Entwicklungshilfe. Dagegen ist die Wirkung des «fairen Handels» nur ein Tropfen auf den heissen Stein, und dazu erst noch ein fragwürdiger.

Fragwürdig aus mehreren Gründen. «Fairer Handel» tut nämlich so, als wären Wohlstand und Armut weitgehend Fügungen des Schicksals. Armut wäre demnach nach dem «Mutter-Teresa-Prinzip» durch mitfühlende Menschen des privilegierten Nordens zu beseitigen. Eine solche Sicht lenkt die Aufmerksamkeit dieser privilegierten Menschen von den tatsächlichen Quellen der Armut ab. Die Hauptursachen sind in aller Regel politischer Natur: kein Rechtsstaat, die Dominanz von Plünderungseliten und somit weder Demokratie noch Marktwirtschaft. Als Folge davon werden zu viele Menschen in landwirtschaftlichen Aktivitäten festgenagelt, die unter den dortigen Bedingungen kaum Entwicklung ermöglichen, auch weil auf den Weltmärkten stets latente Überkapazitäten und hohe Preisvolatilitäten drohen. Wie die Entwicklung zu mehr Wohlstand in der Realität verläuft, kann man in erfolgreichen Ländern vor allem Südostasiens nachvollziehen. Das Zaubermittel heisst Austausch mit der Welt durch die Öffnung von Märkten, also Globalisierung. Genau dieser Weg wird aber von vielen Anhängern des «fairen Handels» als neoliberaler Irrweg abgetan. Den Schaden dieser ideologischen Fixierung haben die von Anti-Globalisierern umsorgten Armen in der Dritten Welt

Ablasshandel „Ethischer Konsum“

Fragwürdig ist «fairer Handel» auch in seiner Funktion zur Entlastung des Gewissens. Wenn einer wohlhabenden Minderheit die bequeme Möglichkeit geboten wird, mit ein paar Franken Einsatz diffuse Schuldgefühle über eine ungerechte Welt abzubauen, schadet dies dem Anliegen eines wirklich fairen Handels ohne Agrarprotektionismus. Die entlasteten Leute müssen sich dann nämlich nicht mehr mit den wahren Ursachen von Armut und «unfairem Handel» beschäftigen. Ja sie können sogar beruhigt mit dem offensichtlichen Widerspruch weiterleben, dass sie zwar Produkte des «fairen Handels» konsumieren, sich aber gleichzeitig nicht für den Abbau des einheimischen Agrarschutzes einsetzen – also für ein Programm, das hundertfach mehr und flächendeckend zur Beseitigung von Armut beitragen würde. Dieser Widerspruch ist mittlerweile geradezu zum Markenzeichen der Globalisierungsgegner geworden – eindrücklich personifiziert in militanten bäuerlichen Anti-Globalisierern wie dem Franzosen José Bové oder seiner schweizerischen Miniausgabe Nationalrat Josef Kunz.

Die Botschaft des «fairen Handels» fällt in der Schweiz offenbar auf besonders fruchtbaren Boden: «Ethischer Konsum» als Ablasshandel für das schlechte Gewissen der Wohlstandsbürger. Leider fehlt in unserem Land das Verständnis für die wesentlichen Zusammenhänge in wirtschaftlichen Fragen. Das kann nicht verwundern, entlässt doch das schweizerische Schulwesen seine Schützlinge nach der obligatorischen Schulzeit als ökonomische Analphabeten. Das Problem beginnt bei der Lehrerschaft, die in ihrer grossen Mehrheit ohne viel Sachkenntnis besonders gern gegen «die Wirtschaft» moralisiert und die Botschaft des «fairen Handels» predigt. Wie meinte doch George W. Stigler, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften vor einigen Jahren: «Es ist eine traurige Tatsache, dass das Niveau ökonomischer Bildung im 20. Jahrhundert nicht merklich gestiegen ist.» Das gilt offensichtlich auch für die Schweiz, und das angebrochene 21. Jahrhundert hat noch keine Besserung gebracht.

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