Gleichstellung durch Differenzierung

7. April 2010 | Von | Kategorie: Wirtschaftsethik

Dieser Text ist eine leicht bearbeitete Fassung eines Artikel in der NZZ vom 23. Juli 1996. 14 Jahre später ist das Wehklagen der stark gewachsenen Gleichstellungsindustrie ungebrochen. Die Analyse der Problematik bleibt weiterhin gültig.

Da beim Thema Gleichstellung von Mann und Frau die richtige Gesinnung bereits vorgegeben ist, wird eine unbefangene Auseinandersetzung mit dem Thema beinahe unmöglich. Indem man ein Problem moralisch auflädt, verhindert man eine differenzierte Analyse. Das schadet nicht nur der Qualität der Diskussion, sondern auch dem Anliegen der Frauen. Nachdenken über ein gesellschaftliches Problem würde verlangen, sich vom Ballast vorgefasster Meinungen zu befreien. Tatsache ist: Lohndifferenzierungen auf einem flexiblen Arbeitsmarkt sind wichtig, um den individuellen Präferenzen von Frauen und den Anforderungen von Märkten gerecht zu werden. Wenn der Lohn von Frauen gesetzlich über dem Marktlohn festgelegt wird, werden nicht mehr, sondern weniger Frauen eingestellt. Eine gegen den Markt erzwungene Lohngleichheit von Mann und Frau schadet deshalb den Frauen mehr als sie ihnen nützt  –  nur merkt das niemand, weil es gleichsam versteckt in Aggregaten der Gesamtbeschäftigung geschieht.

Hehre politische Ziele

Die Bundesverfassung nennt das politische Kernziel der Gleichstellung: Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit. Auch steht dort, dass Gesetze für die Durchsetzung der Gleichstellung in Familie, Ausbildung und Arbeit sorgen sollen. Diese Vorgabe ist typisch für das gängige politische Denken: Eine aus der richtigen Gesinnung abgeleitete wünschbare Gesellschaft lässt sich mit Gesetzen und Verordnungen formen. Da sich aber die Wirklichkeit gerne anders verhält, als die vielen „Sozial-Konstrukteure“ in unseren Parlamenten, Regierungen und Amtsstuben voraussetzen, werden die hehren Ziele regelmässig verfehlt.

Sicher schafft der Anspruch „gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“ einträgliche Tätigkeitsfelder für Sozialwissenschaftler wie Arbeitspsychologen, Betriebswirte und Juristen. Doch wie definiert man gleichwertige Arbeit quer durch alle Sektoren der Wirtschaft? Schon vor Jahren konnten Gleichstellungs-Vorkämpferinnen am Fernsehen über eine Methode berichten, die etwa die Arbeit einer (natürlich unterbezahlten) Krankenschwester oder Kindergärtnerin mit der Tätigkeit eines Hauswarts vergleichbar macht. Solche Versuche riechen verdächtig nach einer objektiven Werttheorie à la Marx: Die in eine Beschäftigung investierte körperliche und geistige Mühsal bestimmt den Wert einer Sache, hier eben der Arbeit.

Sinnvolle Marktvorgänge

Ein so verstandener Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit steht im Widerspruch zu den Vorgängen auf den Arbeitsmärkten. Denn diese unterliegen, trotz Regulierungen, zum Vorteil der meisten Beteiligten dem Einfluss von Angebot und Nachfrage. Versuche einer objektiven Arbeitsbewertung schaffen Illusionen, denn sie blenden ökonomische Grundtatsachen einfach aus. Ignoriert werden das Knappheitskonzept und das Faktum des eigennützigen Verhaltens von Menschen auf Märkten. Wer Löhne von Hauswarten mit denen von Krankenschwestern vergleicht, sollte auch die Knappheitsverhältnisse beachten. In Branchen oder Berufen mit Arbeitskräftemangel werden die Einkommen relativ stärker steigen oder höher sein als in unterbeschäftigten Sektoren. Löhne geben Auskunft über relative Knappheit. Wenn sich die Arbeit Suchenden danach richten, entsteht ein sinnvoller Rückkoppelungseffekt. Und solange niemand gezwungen wird, einem bestimmten Beruf nachzugehen, sollte jede(r) die Einkommensfolgen seiner (ihrer) Berufswahl tragen.

Ungerechte Lohngleichheit

Eigennütziges Verhalten auf Arbeitsmärkten heisst, dass Menschen ihre persönliche Nutzen-Kosten-Rechnung machen. Die Ansicht, nur gleicher Lohn für gleich(wertig)e Arbeit sei gerecht, eignet sich zwar gut für die politische Aktion, ist aber falsch. So wie Leute werten, kann Lohngerechtigkeit nur heissen: Gleicher Nutzen durch Lohn für gleichen Nutzenentgang durch Arbeit. Der Nutzen eines Gehalts von CHF 6’000 kann für Person A grösser sein als der Nutzen von CHF 7’000 für Person B. Ebenso ist der Nutzenentgang durch eine bestimmte Arbeit individuell verschieden, je nach persönlichen Vorlieben. Wer jemanden dazu bringen will, einen bestimmten Mindestlohn für eine gegebene Arbeit zu verlangen, beschränkt dessen Wahlfreiheit.

Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern in gleichartigen Arbeitsstellen zeigen, dass es zwei Arbeitsmärkte gibt, die die unterschiedlichen gesellschaftlichen Rollen von Mann und Frau widerspiegeln. Frauen sind zum Beispiel öfter Zweitverdienerinnen. Als solche sind sie eher bereit, zu tieferen Löhnen zu arbeiten, ohne daraus weniger persönlichen Nutzen zu ziehen als eine höher bezahlte Person. Manchmal ist Geld sogar nicht einmal der primäre Antrieb. Zudem sind Frauen aus biologischen und kulturellen Gründen im Durchschnitt weniger stabil in ihren Arbeitsverhältnissen. Aussteigen und Wiedereinstieg sind typische Frauenthemen. Dass sich dies auch auf die Entlöhnung auswirkt, wird nur von denen verurteilt, die nicht akzeptieren wollen, dass in einem Lohn mehr steckt als die blosse Abgeltung der gerade ausgeübten Berufstätigkeit. Ein Salär enthält auch eine Investitionskomponente. Arbeitgeber streben danach, Arbeitnehmer(innen) aufzubauen, um deren Nutzen für die Firma zu erhöhen. Dazu sind längere Arbeitsverhältnisse von Vorteil. Männer erhalten auf dem Arbeitsmarkt im Mittel eine höhere Investitionskomponente – eine Art Treueprämie auf Vorrat – , weil sie längerfristige Berufspläne haben als Frauen.

Kontraproduktiver Zwang zur Lohngleichheit

Ob geschlechtsspezifische Lohnunterschiede für gleiche Arbeit ungerecht sind und nach politischen Eingriffen verlangen, ist ein Werturteil. Tatsache ist, dass die Arbeitsmärkte unterschiedliche Lebenspläne, soziale Rollen und Ausbildungsbemühungen von Mann und Frau wirtschaftlich bewerten. So ruft die Gleichstellungsforderung zwingend nach politischer Intervention: Frauen sollen Lohngleichheit gerichtlich durchsetzen.

Politische Eingriffe auf Märkten haben ihren Preis. Gegen den Markt erzwungene Lohngleichheit schwächt den Anreiz zur Einstellung von Frauen. Bevorteilt werden, wie durch viele Arbeitsmarktregulierungen, die „Besitzerinnen“ von Arbeitsplätzen auf Kosten der Nichtbeschäftigten (Arbeitslose, potenzielle Wiedereinsteigerinnen). Und Männer werden bei erzwungener Lohngleichheit für Arbeitgeber relativ attraktiver. Dies wird ihre Beschäftigungschancen verbessern. Insgesamt verschlechtert sich die Beschäftigungssituation der Frauen. Die für einen Markt reale geschlechtsspezifische Ungleichheit sucht sich, wenn der Lohn als Differenzierungsmittel wegfällt, andere Ausdrucksformen. Wachsende Gleichstellungsmilitanz im Lohnbereich droht die Beschäftigung von Frauen zu erschweren. Diese Einsicht fehlt allerdings in den Köpfen der Vorkämpferinnen für die Gleichstellung von Mann und Frau, und sie vermag deshalb auch deren missionarischen Eifer für Lohngleichheit nicht zu dämpfen.

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