DRS2: Reportage aus der Armutshauptstadt Deutschlands

7. März 2011 | Von | Kategorie: Fokus, Mediawatch

Mail an Radio DRS2 vom 7. März 2011:

Zu Ihrer Sendung „Kontext“ vom 3. März: „Leipzig – Armutshauptstadt Deutschlands“:

Man weiss am Schluss nicht recht, war das nun eine Sendung über arme Menschen in Leipzig oder über systemische Aspekte und Ursachen von Armut. Das erste war einigermassen abgedeckt, für das zweite fehlten schlicht die massgebenden Erkenntnisse der ökonomischen Forschung, speziell zum Thema Arbeitsmarkt sowie Langzeitarbeitslosigkeit als Armutsrisiko. Dazu ein paar Fragen und Kommentare.

1. DRS-Sendungen über Armut verdrängen systematisch die zentrale Rolle und Verantwortlichkeit einer schlechten Wirtschaftspolitik für Langzeit-Arbeitslosigkeit, die ein höheres Armutsrisiko darstellt. Die grossen Unterschiede zwischen europäischen Ländern müssten doch inzwischen auch in den Redaktionsstuben unserer Staatsmedien bekannt sein. Der enge Zusammenhang zwischen hoher Arbeitslosigkeit und schädlichen Arbeitsmarktregulierungen (sozialpartnerschaftliche Tarifkartelle mit flächendeckender Lohn-Regelungskompetenz, rigider Kündigungsschutz, zu hohe gesetzliche Mindestlöhne etc.) ist von der ökonomischen Wissenschaft hinlänglich untersucht und empirisch erhärtet. Deutschland rangiert in Sachen Regulierung der Arbeitsmärkte in internationalen Vergleichen notorisch auf hinteren Positionen. Man muss annehmen, dass man bei DRS2 unter der Fuchtel des Zwangs zu politischer Ausgewogenheit davor zurückschreckt, solche wissenschaftlichen Erkenntnisse zu präsentieren. Dies weil es auch in der Schweiz mindestens eine grosse Partei gibt, die unseren Arbeitsmarkt am liebsten nach dem Muster Deutschlands oder noch weiter regulieren möchte.

2. Ankündigung der Sendung: „Selbst Investitionen von Konzernen, Arbeitsbeschaffungsmassnahmen, Sozialpläne verhindern nicht, dass immer mehr Menschen in die Armut abgleiten..“ sowie einleitender Satz der Moderation: „Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich auch in Europa immer weiter…“ Diese Ankündigungen gaben der ganzen Sendung einen latent anklagenden Ton, der dem Hörer suggerierte, mit unserer Wirtschaft (Marktwirtschaft) sei wohl etwas nicht in Ordnung und es brauche deshalb mehr Staat, um Armut zu mildern.

Fragen: Auf welche statistischen Fakten stützten sich diese floskelhaften Behauptungen, die in den Medien dauernd rezykliert, aber kaum je durch eine sorgfältige Analyse hinterfragt oder bewiesen werden? (Der Hinweis auf eine DIW-Studie im Schlusssatz der Sendung ist als Legitimation viel zu pauschal). Weshalb haben wir heute bei Staatsquoten von 45 bis 55 Prozent ein Armutsproblem, während ein solches vor 45 Jahren bei nur halb so grossen Staatsquoten und kinderreichen Familien ohne doppeltes Einkommen kaum ein Thema war? Ist vielleicht auch die vom überzogenen Sozialstaat geförderte schleichende Auflösung der „Wirtschaftsgemeinschaft Familie“ – immer mehr Einpersonen-Haushalte und Alleinerziehende – daran schuld?

3. Fall „Bernd der Seemann“: Hat nach drei Jahren als Obdachloser wieder einen Job und kommt nun im Anzug daher.

Fragen: Sollte dies nicht zur Frage anregen, ob dieser Typ vielleicht nicht bloss ein Einzelfall sein könnte? Ob vielleicht zwischen dem Segment der untersten Einkommensklasse und den oberen Einkommenssegmenten eine gewisse Durchlässigkeit und Mobilität besteht? Indem nämlich gar nicht immer die gleichen Leute arm sind oder bleiben, sondern manche den Aufstieg bzw. den Ausstieg aus der Armut wieder schaffen, quasi als Gegenstrom zum beklagten „Abgleiten in die Armut“? Und: Was für staatliche Arbeitsmarkthindernisse und Fehlanreize gibt es, die diese Mobilität beeinträchtigen?

4. Hinweis auf das Vorbild nordischer Länder für den politischen Ausgleich zwischen Armen und Reichen: Einverstanden, so hat etwa Dänemark eine vorbildlich liberale Arbeitsmarktordnung, an der sich Deutschland ein Beispiel nehmen könnte, zum Vorteil der Arbeitslosen. Es ist viel wirksamer, Armut „indirekt“ über eine gute Wirtschafts- und Sozialpolitik anzugehen als simpel populistisch durch noch mehr direkte Umverteilung, weil ja bei „den Reichen“ stets noch genug da sei für die Armen. Der Hinweis, dass es in Deutschland trotz wachsender Armut immer mehr Milliardäre gebe, ist ein äusserst fragwürdiges „Argument“ in der Armutsdiskussion, weil suggeriert wird, der wachsende Reichtum ganz oben gehe auf Kosten derjenigen ganz unten bzw. man müsse nur mehr von den Superreichen nach unten umverteilen, um Armut zu vermindern. Das funktioniert nicht nur quantitativ nicht, sondern ist auch systemisch eine Illusion. Zudem gibt es so wie unten auch ganz oben Auf- und Abstiege.

5. Fazit: Bei DRS2 fehlt offenbar ein analytisch fundiertes Inhalts-Controlling. Ein solches braucht es vor allem für Sendungen, in denen Behauptungen über wirtschaftliche und gesellschaftliche Zustände verbreitet werden, deren Wahrheitsgehalt sich anhand von verfügbaren Daten und Analysen ohne weiteres überprüfen liesse. Nicht immer würde dies allerdings zu den eindeutigen Aussagen führen, die aus moralisierenden Positionen gerne resultieren, im Gegenteil. Gerade der Rückgriff auf fundiertes Wissen hätte zur Folge, dass Botschaften wie diejenige über die „sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich“ oder die vom der „drohenden Klimakatastrophe“, nicht mehr in der für die schweizerischen Staatsmedien typischen apodiktischen Form verkündet werden könnten.

Freundliche Grüsse
Hans Rentsch

Ein Kommentar auf "DRS2: Reportage aus der Armutshauptstadt Deutschlands"

  1. Friedrich Rentsch sagt:

    In völliger Unkenntnis der Umstände kommt es mir in Anlehnung an eine arabische Redewendung vor als bellte da ein kleiner Hund eine Karawane an die ruhig vorüberzieht. Ich weiss natürlich nicht, auf welcher relativen Augenhöhe in der DRS-Hierarchie deine Kritik ankommt. Wenn sie für eine Reaktion ausreicht, schick sie doch auch herum.

    Medien sind natürlich keine Wissenschaftsmissionen, sondern Informationsknotenpunkte wo sich alle Meinungen kreuzen sollen. In allen Meinungen sind die einen fundierter und andere halt weniger fundiert. Der Medien Zielsetzung ist nicht akademische Volksbildung, sondern Auflagen und Einschaltquoten. In diesem Zusammenhang scheint mir ein grundsätzlicheres Problem eine SRG die in ihrem reservierten Gärtchen, mit staatlich abgesgneten Gebühren liebevoll gedüngt, so prächtig gedeiht wie einst Chabis-Äschis berühmtes Gemüse. Versorgungsauftrag und Erhebungsbasis, beide Relikte aus der Gründerzeit, hat seither der Wandel der Informationstechnologie und -kultur zu reinen Vorwänden für ein Geschäftsmodell pervertiert, das eher in eine Demokratische Volksrepublik passt als hierher. Dies wiederum passt zum merkwürdigen Pardox, dass der Ausstieg aus dem Sozialismus der Länder, die damit schlechte Erfahrungen gemacht haben, mit dem Einstieg ihrer Vorbilder zusammenfällt.

    Ängsten kann man in zwei entgegengesetzte Richtungen entfliehen: entweder aggressiv oder versöhnlich, entweder SVP oder SP und Grün. So gesehen könnte die zunehmende Polarisierung der Politszene, ihre schwindende Mitte, als kollektiver Ausdruck einer zunehmend bedrohlicheren Verunsicherung gedeutet werden. Im Wohlstandsgefälle ist das Verhältnis zwischen oben und unten nie herzlich. Doch solange man sich von Kooperation mehr verspricht als von Konfrontation kooperiert man, oder zumindest werkt man sich nicht zuleide. Doch gibt es wohl eine Spannungsgrenze, jenseits der Kooperation nicht mehr möglich ist und dass mancherorts die Grenze überschritten hat mittlerweile jeder Zeitgenosse gemerkt. Seit am 11. September 2001 eine apokalyptische Tobsucht mit Gewalt in unser Vorstellungsvermögen eindrang–was drin ist bleibt drin–plagt uns eine Art „PTSD“ (wie „Post Traumatic Stress Disorder“ auf deutsch heisst weiss ich nicht).

    Nun scheint es, haben die vorbeugenden Beschwichtiger die Oberhand. Sie beteuern hoch und heilig, dass ihr eigenes Wohlstandsniveau ein Grundrecht eines jeden Menschen sei. Dieses versöhnliche Glaubensbekenntnis soll den Zorn besänftigen der, ist zu befürchten, sich an der Wahrnehmung von Privilegien als Zeichen rücksichtsloser Arroganz entflammt. Privilegien sind keine Anmassung wenn sie allen zustehen. Wo ein Beschwichtiger nun Kraft seines Amtes die Möglichkeit hat, seinen Worten (auf anderer Leute Kosten) Taten folgen zu lassen, neigt er im Interesse der Beschwichtigungseffizienz auch dazu. (Die Buchhaltung liegt in anderen Zuständigkeitsbereichen.)

    Bei uns wütet eine regelrechte Betreuungssucht: Bundesräte lassen ihre Arbeit liegen, um Schweizer Bürger persönlich zu betreuen, die sich im Herrschaftsbereich von Psychopathen in Schwierigkeiten begeben. Migrationsämter verhätscheln jeden dahergelaufenen Taugenichts, der mangels Sanktionierbarkeit unsern Gesetzen defakto nicht untersteht und nehmen ihm alle Legitimationsarbeit ab, während er diese nach Strich und Faden hintertreiben darf, wozu ihm ein Rechtsberater zur Steite steht (stehen muss?) den wir auch noch bezahlen. Als müsse nicht er einen Anspruch belegen, sondern die Behörde den Nichtanspruch! Jeder Kanton hat eine Schuldenberatungsstelle (!), die auf Kosten verantwortungsbewusster Steuerzahler selbsteingebrockte Suppen auslöffeln hilft und–das schlimmste–als institutionalisierte Auffangeinrichtung verantwortungslosen Konsum in den Ruf respektablen Normalverhaltens bringt. Und letztlich ist doch dieser Tage tatsächlich im Ernst die Idee eines Grundeinkommens von zweieinhalbtausend Franken für jedermann im Gespräch, das an keine Bedingungen geknüpft sein soll.

    Langsam kommt man sich als Stimmbürger an der Urne vor wie ein Automobilist der sich vergegenwärtigt, dass ein nicht ganz unerheblicher Prozentsatz der Verkehrsteilnehmer um ihn herum besoffen herumfährt.

    P.S. In Los Angeles (anderswo natürlich auch) hat jeder Haushalt eine Haushalthilfe in der Form von mujeres, die schlecht englisch sprechen. Sie kommen einmal die Woche und putzen einen halben Tag lang das ganze Haus, waschen und glätten, nehmen dann die paar Noten die man für sie bereitlegt und machen dann vermutlich noch ein zweites Haus. Wieviel man bereit legt weiss ich nicht genau, Bei den Leibs waren’s zwei, drei Noten mit einer zwanziger dabei. Und es kamen gleich zwei mujeres. Wahrscheinlich weil es für sie weniger langweilig ist wenn sie bei der Arbeit schwatzen können. Man darf annehmen, dass das Arrangement für die Damen vorteilhafter ist als dortzubleiben wo sie herkommen oder dorthin zurückzukehren, denn sie haben ja die freie Wahl. Überdies machten die beiden einen zufriedenen Eindruck und das Verhältnis zu ihren „Ausbeutern“ war kollegial. Sie haben keine Aufenthaltsgenehmigung, doch angesichts der flächendeckenden Verbreitung des Systems ist das ein theoretischer Aspekt ohne praktische Erheblichkeit. Sie sind auf eine Weise integriert, an der unsere krampfhaften, kostspieligen und unergiebigen Intergrationsprojekte grundsätzlich vorbeischiessen.

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