Zu viel Aufregung um den “Peak Oil”

7. April 2011 | Von | Kategorie: Energiepolitik, Fokus

Das Thema “peak oil” wird in der Schweiz von Nicht-Ökonomen propagiert. Der Verein “Association for the Study of Peak Oil Switzerland” (ASPO) verbreitet die Botschaft vom nahenden Produktionsmaximum beim Erdöl. Der ASPO-Vorstand besteht aus zwei Historikern, einem Rechtsanwalt, zwei Geologen, einem Chemiker und einem Dokumentarfilmer. Die Absenz von Ökonomen dürfte erklären, weshalb die ASPO den “peak oil” primär als physisches Endlichkeitsproblem darstellt. Auf der ASPO-Website steht zu lesen:
Peak Oil ist ein Fachausdruck …, der … mit „globales Produktionsmaximum von Erdöl“ übersetzt wird. Jedes Erdölfeld und auch jedes Erdölland besitzt ein Produktionsprofil, das mit „Null“ beginnt, auf ein Fördermaximum (Peak) ansteigt, und mit der Zeit wieder auf „Null“ zurückgeht…. Die Welterdölproduktion ist in den letzten 150 Jahren stets angestiegen, wird aber vermutlich vor dem Jahr 2020 den Peak Oil erreichen und danach wieder auf „Null“ absinken. Auch nach dem Peak gibt es noch Erdöl, aber von Jahr zu Jahr weniger. Die ASPO erwartet Preisschocks und warnt, das Erreichen des globalen “peak oil” werde “nicht nur den Erdölpreis sondern die ganze Gesellschaft fundamental verändern.” Etwas Dramatik kann nie schaden, wenn man öffentlich Gehör finden will. Allerdings übertreiben “Peak oil”-Aktivisten die Bedeutung des “peak oil” für die Weltwirtschaft.

“Moving peak oil”
Ökonomisch gesehen gibt es keine endlichen, sondern nur mehr oder weniger knappe Ressourcen. Dies gilt auch für Wind- oder Sonnenenergie, nur sind dort die Ressourcen für die Umsetzung in konsumierbare Energie knapp. Knappheit ist kein physisches Phänomen eines nur in geringer Menge verfügbaren Gutes, sondern eine relative Grösse, nämlich das Verhältnis zwischen Angebots- und Nachfragemengen. Knappheit hat ihr (relatives) Mass auf freien Märkten im Preis, der sich aus diesem Verhältnis bildet.

Schon im Gefolge der düsteren Prognosen des Club of Rome in “Grenzen des Wachstums” (1972) und unter dem Eindruck der Ölkrisen der 1970er Jahre hatten Warnungen vor der Erschöpfung fossiler Energievorräte Hochkonjunktur. Doch musste der prognostizierte Zeitpunkt der Erschöpfung bzw. des Fördermaximums immer wieder hinausgeschoben werden. Der “peak oil” ist vom Ölpreis abhängig: Bei hohem Ölpreis lohnt es sich, Lagerstätten selbst zu höheren Kosten weiter abzubauen und in Technologie zu investieren. Mit steigendem Ölpreis und technologischem Fortschritt in Exploration und Produktion verschiebt sich der “peak oil” in die Zukunft.

Abbildung 1: Entwicklung der globalen Erdölreserven und -produktion seit 1980
(1980 = 100)

Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2010

Abbildung 1 vermittelt das Bild eines “moving peak oil”. Die mit verfügbarer Technologie und unter den jeweils herrschenden wirtschaftlichen Bedingungen förderbaren Erdölreserven haben sich seit 1980 verdoppelt. Die Produktion stieg zwischen 1980 und 2009 nochmals um gut ein Viertel. Im Kontrast zu Warnungen vor der Erschöpfung der Ölvorräte verbesserte sich das Verhältnis zwischen Reserven und Produktion (R/P ratio) um über 50 Prozent. Während die 1980 bekannten Erdölreserven beim damaligen Produktionsvolumen nur noch für 29 Jahre gereicht hätten, waren es 2009 fast 46 Jahre. Diese Fakten sind zwar für das Verständnis der “peak oil”-Problematik nützlich, doch die drängendere Frage lautet: Gerät die Welt nach Überschreiten des Fördermaximums in Konflikte um die sich verknappende Ressource?

Preisschocks? Nicht Neues

Vor zwei Jahren sagte Christophe de Margerie, CEO des Ölkonzerns Total, in einem Interview, die weltweite Ölproduktion werde bald ihr Maximum erreichen, und die Nachfrage könne dann nicht mehr gedeckt werden. Ob die Nachfrage gedeckt werden kann oder nicht, ist jedoch eine Frage des Ölpreises. Effektive oder erwartete Verknappungen haben schon in der Vergangenheit zu grossen Preisausschlägen geführt (Abbildung 2).

Abbildung 2: Entwicklung des Rohöl-Spotpreises (Dubai) in $/bbl
Quelle: BP Statistical Review of World Energy 2010

Die grössten Preisschocks erlitten die Volkswirtschaften der Verbraucherländer durch die beiden Ölkrisen der 1970er-Jahre. Entgegen allen Prognosen sank der Ölpreis in den 1980er-Jahren wieder und blieb lange auf tiefem Niveau. Erst seit dem Jahr 2000 stieg der Ölpreis erneut an – im Zeitraum von weniger als acht Jahren um ca. das Fünffache. Im Unterschied zu den früheren Ölkrisen reagierte aber die Weltwirtschaft in jüngerer Zeit viel weniger empfindlich auf Preisschocks. Dies gilt auch für starke kurzfristige Ausschläge wie wir sie 2008/2009 erlebt haben. Selbst die enorme Volatilität zwischen 40 und 145$ pro Fass vermochte den Gang der Weltwirtschaft kaum zu stören.

Kein Grund zur Panik
Problematisch wird es, wenn aus pessimistischen Zukunftsbildern präventiv staatliche Regulierungs- und Fördermassnahmen abgeleitet werden, zum Beispiel eine kostspielige Förderung erneuerbarer Energien. Die Fehleranfälligkeit staatlicher Lenkung ist hoch, weil die Informationsanforderungen betreffend die Folgen politischer Interventionen nicht zu bewältigen sind. Zu diesen Folgen gehören auch die Opportunitätskosten, d.h. die Verzichtskosten, die dadurch entstehen, dass man einen Franken nur für einen Zweck ausgeben kann. Der entgangene Nutzen des Verzichts auf andere Verwendungen wird in der politischen Debatte gerne unterschlagen. Wenn es einen staatlichen Finanzierungstopf für die Förderung von Solarstrom gibt, heisst das noch lange nicht, dass dies auch ein ökonomisch sinnvolles Förderprogramm ist.

Natürlich ist es nützlich, in die Zukunft zu blicken und vor möglichen negativen Entwicklungen zu warnen. Nur sollte man dabei auf Erfahrungen aus der Vergangenheit bauen. Diese lehren, dass die Weltwirtschaft Ölpreisschocks bisher gut bewältigt hat. Unsere Volkswirtschaften sind dynamische Gebilde. Die Menschen sind erfinderisch, wenn ihr Handeln durch rechtsstaatliche Institutionen und Wettbewerb auf offenen Märkten bestimmt wird. “Peak oil”-Alarmismus ist fehl am Platz. Wer sich die ökonomische Perspektive zu eigen macht, kann die Dinge gelassener angehen. Allerdings verliert das Phänomen damit sein Potenzial für politisch einträgliche Dramatik.

Dieser Text erschien leicht redigiert in der NZZ-Ausgabe vom 17. März 2011 in „Fokus der Wirtschaft“

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